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Gänsereiten Rosenmontag 2005: Die tote Gans, die kopfüber über einer Reitbahn im Bochumer Stadtteil Wattenscheid-Höntrop baumelt, starb zu Unterhaltungszwecken. Sie starb für die Reiter des Gänsereiter-Clubs Höntrop. Wer ihr den Kopf abreißt, darf sich für ein Jahr König nennen. Das gleiche Spektakel findet ebenfalls im nur wenige Kilometer entfernten Wattenscheid-Sevinghausen statt. Eine Abwandlung dieses Brauchs, das Gänse- oder Hahneköppen, bei der dem toten Tier mit einem stumpfen Schwert der Kopf abgeschlagen wird, praktizieren Vereine in Canstein, Engelkau, Haan bei Solingen, Langenhorst bei Velbert und Neviges-Hardenberg, aber auch in Belgien und Holland. Andere Vereine, zum Beispiel in Dortmund oder Essen, sind aufgrund des öffentlichen Drucks auf Attrappen umgestiegen. „Federn fliegen durch die Luft, die geschundenen Leiber schlagen Purzelbaum ... Das Schauspiel, das sich den ungläubigen Blicken der herbeigelockten Burschen bietet, ist grausam, unmenschlich und brutal. Für die gottesfürchtigen Menschen sind das hier völlig unbekannte Sitten.“ So beschreibt der Gänsereiterclub Höntrop in einer Jubiläumsbroschüre den Beginn des Gänsereitens in Wattenscheid. Als Ende des 16. Jahrhunderts spanische Söldner im Zuge des spanisch-niederländischen Erbfolgekrieges in Teile Westfalens und des Rheinlands einfielen, rissen sie den Gänsen der Bauern bei lebendigem Leib den Kopf ab. Verkehrte Welt: Aus dem Kriegsspiel, mit dem sich die Soldaten die Zeit vertrieben und gleichzeitig Grausamkeit gegen Menschen übten, wurde ein Karnevalsbrauch. Mordspaß – Tradition contra Tierschutz Heute sehen die Wattenscheider Vereine und die Zuschauer im Gänsereiten eine unschuldig gewordene Tradition, denn seit 200 Jahren wird die Gans vor dem Spektakel getötet. Nur ein Mordsspaß also? Tierschützer protestieren seit Jahren gegen das Gänsereiten, nicht nur weil es ihrer Meinung nach gegen das Tierschutzgesetz verstößt. „Es geht darum, Ehrfurcht vor dem Leben zu vermitteln. Wenn Kindern hier genau das Gegenteil vermittelt wird, nämlich das es in Ordnung ist, ein Tier für Gaudi zu töten und ihm dann als Ziel des Wettkampfes den Kopf abzureißen, ist das eine völlig falsche Entwicklung“, so Ulf Naumann, einer der Demonstranten. In den vergangenen Jahren säumten Dutzende von ihnen den Rosenmontagszug. In diesem Jahr haben sich nur acht eingefunden, um gegen das Kindergänsereiten zu protestieren. In Wattenscheid-Höntrop, und nur hier, darf sich eine Woche vor Rosenmontag bereits der Nachwuchs darin üben, einer Gans den Kopf abzureißen. Nach den Werten, die dabei vermittelt werden sollen und überhaupt nach Sinn und Zweck des Gänsereitens gefragt, verweist der Sprecher des Vereins, Rechtsanwalt Achim Hehrs, auf die große Zustimmung in der Wattenscheider Bevölkerung und die über 400-jährige Tradition des Vereins. Verzehrt und verzerrt – Juristenstreit ums Gänsereiten Mithilfe des Strafrechts konnten Tierschützer diese Tradition nicht stoppen. Die Staatsanwaltschaften in Bochum und Dortmund, wo bis vor drei Jahren ebenfalls tote Gänse geköpft wurden, stellten die Verfahren ein. Auch Klageerzwingungsverfahren bei der Generalstaatsanwaltschaft Hamm führten nicht weiter. Die Begründungen gleichen sich. Zwar steht das Töten eines Tieres ohne vernünftigen Grund unter Strafe, aber, so die Dortmunder Staatsanwälte: „Ein Verstoß gegen § 17 Tierschutzgesetz kommt schon deshalb nicht in Betracht, weil die bei dem Fest verwendete Gans nach dem so genannten Gänseköppen anschließend verzehrt worden ist.“ Erfolglos versuchte Rechtsanwalt Eisenhart von Loeper, einer der Kommentatoren des Tierschutzgesetzes, den Vorgang in seiner Anzeige bei der Bochumer Staatsanwaltschaft zu entzerren: „Primärer Grund der Tötung ist die Ausübung eines (gewaltsamen) Unterhaltungsrituals ... was einen Verstoß gegen Art. 20 a (Anm. der Autorin: des Grundgesetzes) und § 17 Tierschutzgesetz darstellt. Ist aber damit der eigentliche bzw. primäre Grund der Tötung rechts- bzw. sogar verfassungswidrig, kann die Tötung nicht durch eine Nebenfolge (Verzehr) wieder legalisiert werden.“ Kein Ärger mehr – Attrappen statt echte Tiere Ob die Gans verzehrt werde oder nicht, fand das Ordnungsamt der Oberkreisdirektion Olpe unerheblich. Bereits 1988 drohte es dem Gänsereiterverein im sauerländischen Bühren, ein strafrechtlichen Ermittlungsverfahren einzuleiten. Kampflos stieg der Verein auf eine Attrappe um. Der heutige Vorsitzende, Hans-Jürgen Feibel, ist froh darüber: „Es gab immer Leute, die das Gänsereiten in der alten Form abgestoßen hat und manchmal blieb die Gans im Festzelt liegen und wir hatten dann Probleme, sie zu beseitigen. Seit wir eine Attrappe benutzen, gibt es keinen Ärger mehr und jetzt reiten sogar die Frauen mit.“ Aus Sicht der Ordnungsämter in Dortmund, Essen und Bochum ist gegen das Gänsereiten strafrechtlich nicht anzukommen. Der Leiter des Dortmunder Ordnungsamtes, Ortwin Schäfer, gab sich damit aber nicht zufrieden und drohte wirkungsvoll mit einem Verbot: „Nach unserer Einschätzung verstieß das Gänseköppen gegen den Begriff der öffentlichen Ordnung, der Sitte, Anstand und religiöse Normen umfasst, weil dabei Jugendlichen und Kindern eine falsche Wertvorstellung vermittelt und Gewalt verherrlicht wird. Außerdem waren wir der Meinung, das auch das tote Tiere ein Würde hat und es sich von daher einfach nicht gehört, mit toten Tiere zu spielen und sie zur Volksbelustigung zu machen.“ Der Dortmunder Gänseköpperverein stieg 2003 freiwillig auf eine Attrappe um. Ein Jahr später, ebenfalls auf Druck des Ordnungsamtes, folgten drei Vereine in Essen. Die Hahneköpper in Essen-Frohnhausen verwendeten erstmals in diesem Jahr einen Hahn aus Pappmaché. Die Meinungen im Publikum gingen auseinander. Während die einen ihren Hahn zurückhaben wollten („da flog noch richtig der Kopf ab“, „es war zwar unangenehm zu sehen, aber spannender“), zeigten sich die anderen erleichtert („das war doch eine elende Blutverspritzerei“, „das arme Tier tat mir schon immer leid“). Respekt vor der Tradition – Respekt vor der Schöpfung Der Gänsereiterclub Höntrop hat nicht nur viele Zuschauer und zwei fördernde Mitglieder aus der Politik – den Vorsitzenden der Bochumer SPD-Ratsfraktion Dieter Fleskes und den SPD-Bundestagsabgeordneten Klaus Hasenfratz – auf seiner Seite sondern auch die Moral. Der katholische Probst und Stadtdekan Paul Neumann schrieb zum 400-jährigen Vereinsjubiläum, das Gänsereiten sei „geradezu ein Beitrag zum würdigen Verhältnis des Menschen gegenüber dem Tier und zu dem unverzichtbaren Respekt vor der Schöpfung und vor dem göttlichen Schöpfer.“ Respekt vor der Schöpfung? Viele Zuschauer beim Gänsereiten verweisen darauf, dass auch andere, dass die gesamte Gesellschaft heute, keinen Respekt vor der Schöpfung habe. Im Vergleich zur Vernichtung tausender Tiere, die den Umständen von Massentierhaltung und Tiertransporten sowie einer irrational-rationalen Preispolitik zum Opfer fallen, fällt das Töten einiger Gänse oder Hähne zu Vergnügungszwecken tatsächlich kaum ins Gewicht. Als Symbol für den respektlosen Umgang mit Tieren ist das Gänsereiten allerdings kaum zu überbieten.
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