Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 7+8/2010 des Magazins Mitbestimmung der Hans-Böckler-Stiftung.
CO2-GEBÄUDESANIERUNG Die Initiative geht auf den DGB zurück. Die energetische Modernisierung ist ein Erfolg auf ganzer Linie. Doch jetzt droht eine drastische Kürzung der öffentlichen Förderung.
Von BARBARA UNDERBERG, Journalistin in Bochum
Der Höhepunkt war 2009 erreicht. 2,4 Milliarden Euro Fördermittel standen für die energetische Gebäudesanierung zur Verfügung. Damit wurden mehr als 600.000 Wohneinheiten saniert, knapp 300.000 Arbeitsplätze geschaffen oder gesichert und fast 1,5 Millionen Tonnen CO2 gespart. Der DGB hat bei den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen gefordert, diese Summe jedes Jahr zu investieren. Die neue Bundesregierung hat jedoch bereits für 2010 nur noch 1,1 Milliarden Euro im Haushalt vorgesehen. Das aktuelle Sparpaket von CDU und FDP streicht die Förderung der CO2-Gebäudesanierung gar auf 400 Millionen Euro jährlich zusammen. Nur noch ein Sechstel soll also übrig bleiben.
Doch zunächst ist die Gebäudesanierung eine Erfolgsgeschichte des DGB. Seit 1981 steht Umweltschutz im DGB-Grundsatzprogramm, seit 1983 ist Dr. Werner Schneider als Referatsleiter beim Bundesvorstand verantwortlich für nationale und internationale Umweltpolitik. „Mitte der achtziger Jahre hatten wir ein Programm ‚Umweltschutz und qualitatives Wachstum’ entwickelt. Damit hätte man 500.000 Arbeitsplätze schaffen können“, erzählt Schneider. Die Stunde der Umsetzung dieses Programms schlug dann einige Jahre später, als Bundeskanzler Schröder nach der Wahl der rot-grünen Regierung 1998 das Bündnis für Arbeit ins Leben rief.
Das Bündnis umfasste die traditionellen Themen, der Bereich Umwelt war nicht vorgesehen. „Daher habe ich dem damaligen DGB-Vorstandsmitglied Heinz Putzhammer vorgeschlagen, dort auch Umweltfragen einzubringen und mit dem Thema Arbeit zu verknüpfen“, so Schneider weiter. Aus dieser Initiative entstand das „Bündnis für Arbeit und Umwelt“, dessen Impulse in Sachen Umwelt auch nach dem Ende des Bündnisses 2002 bis heute weiterwirken.
BÜNDNIS FÜR ARBEIT UND UMWELT_ Der DGB legte 1999 ein Positionspapier vor, in dem er insgesamt achtzig Vorschläge machte zu allen umweltrelevanten Bereichen von Gewässerschutz über Luftreinhaltung bis zu ökologischen Finanzdienstleistungen. Das Interesse war riesig – 750 Teilnehmer kamen zu dem Kongress im Berliner Reichstag, bei dem das Positionspapier vorgestellt wurde. Letztlich fanden zwei Vorschläge aus dem Papier die Zustimmung aller Beteiligten im Bündnis für Arbeit und Umwelt. Dieser Konsens war die Voraussetzung dafür, dass ein Vorschlag umgesetzt werden konnte. Der eine war der Export von Umwelttechnologien, der andere wurde zur Geburtsstunde der energetischen Gebäudesanierung.
CO2-Gebäudesanierung bedeutet, den Wärmeschutz von Dächern, Fenstern und Wänden zu verbessern, alte Heizkessel gegen effizientere auszutauschen und erneuerbare Energien wie Photovoltaik und Solarthermie einzusetzen. Das Ziel war ehrgeizig: 300.000 Wohnungen sollten pro Jahr saniert werden. Das schafft und sichert 200.000 Arbeitsplätze und spart zwei Millionen Tonnen CO2. Heizölrechnungen für Mieter und Hausbesitzer fallen geringer aus, der Staat wird um rund vier Milliarden Euro jährlich entlastet, weil die Ausgaben für Arbeitslosigkeit sinken und die Einnahmen von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen steigen. Der geringere Energieverbrauch von Häusern und Wohnungen reduziert die Abhängigkeit von Erdölimporten, und eine große Nachfrage nach umweltfreundlicher Heiztechnik und Wärmedämmung fördert Innovationen auf diesem Gebiet und damit neue Marktchancen. „Die Hälfte der dadurch geschaffenen und gesicherten Arbeitsplätze betrifft das Baugewerbe“, erklärt Martin Mathes von der Abteilung Wirtschafts-, Bau- und Arbeitsmarktpolitik der IG BAU.
FÖRDERKRITERIEN GELTEN BIS HEUTE_ Bis Ende 2000 entwickelte das Bündnis für Arbeit und Umwelt die Kriterien, nach denen Immobilienbesitzer und Mieter in den Genuss einer finanziellen Förderung für Modernisierungsmaßnahmen kommen sollten. DGB-Umweltexperte Schneider: „Am Anfang war das ein Suchprozess. Aber im Kern sind die Förderkriterien bis heute so erhalten geblieben, wie wir sie damals entwickelt haben – je mehr modernisiert wird, desto höher ist die Förderung.“ 2001 stellte die rot-grüne Bundesregierung insgesamt eine Milliarde Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren für die Gebäudesanierung zur Verfügung, also 400 Millionen pro Jahr. Damit wurden insgesamt fünf Milliarden Euro in CO2-Sparmaßnahmen investiert. DGB-Chef Michael Sommer setzte sich persönlich in den Koalitionsverhandlungen von CDU und SPD Ende 2005 erfolgreich für eine deutliche Erhöhung der Förderung ein. Ab 2006 gab es pro Jahr 1,4 Milliarden Euro.
Von Beginn an lief die Förderung über die KfW. In den ersten Jahren gab es ausschließlich zinsgünstige Kredite. Werner Schneider berichtet aus der Startphase: „Am Anfang wollte das Geld keiner haben, es gab keine Nachfrage. Wir mussten erstmal die Werbetrommel rühren. Dann lief es aber immer noch nicht besonders gut.“ Das lag zum einen daran, dass die Kredite nicht über die KfW direkt, sondern über Banken abgewickelt werden. Und die haben ihre Kunden häufig nicht auf die Förderprogramme hingewiesen, da sie mit anderen Geschäften mehr verdienen. Zum anderen ist eine reine Zinsvergünstigung für private Kreditnehmer oft nicht attraktiv genug. Das Bündnis für Arbeit und Umwelt hat sich stark gemacht, auch Zuschüsse und Restschulderlasse in das Förderprogramm aufzunehmen. „Dafür mussten wir jahrelang kämpfen“, so Schneider. Seit 2005 gibt es das.
GESTECKTE ZIELE ERREICHT_ Die Kurve ging danach steil nach oben. Ab 2006 wurden mehr Mittel abgerufen, als überhaupt zur Verfügung standen. Seit dieser Zeit wurden erstmals die quantitativen Ziele, die sich das Bündnis für Arbeit und Umwelt gesteckt hatte, erreicht. Zu den 1,4 Milliarden Euro Förderung pro Jahr kam für 2009 bis 2011 durch das Konjunkturpaket I jeweils eine Milliarde noch dazu. Die Zahlen belegen den Erfolg: 2009 wurden 617.000 Wohneinheiten energetisch saniert, 292.000 Arbeitsplätze geschaffen und gesichert sowie knapp 1,5 Millionen Tonnen CO2 gespart.
Martin Mathes weist zudem auf die qualitativen Effekte hin: „Für uns ist das auch die Chance, aus einem reinen Kostenwettbewerb in der Baubranche herauszukommen und stärker auf einen Qualitätswettbewerb in einem Zukunftsmarkt zu setzen.“ Parallel zur Initiative hier im Land konnte der DGB erreichen, dass die energetische Gebäudesanierung in das Programm der Bundesregierung für die deutsche EU-Präsidentschaft 2007 aufgenommen wurde. Ebenso wurde sie integriert in den Aktionsplan für Energieeffizienz der Europäischen Kommission.
Nachdem es die Kriterien entwickelt hatte und die Anschubfinanzierung gesichert war, hat sich das Bündnis für Arbeit und Umwelt 2002 aufgelöst. Die Bündnispartner haben daraufhin gemeinsam einen Verein gegründet, die Bundesinitiative „jetzt!“. Sie bestand bis 2006, seitdem arbeiten Gewerkschaften und Wirtschaft im lockeren Verbund zusammen. Die Umweltverbände sind bereits seit 2001 nicht mehr dabei. Umweltfachmann Schneider meint, die Beteiligung der Umweltverbände sei vor allem in der Startphase wichtig gewesen: „Für die spätere Kärrnerarbeit hatten sie nicht genug Personal und Know-how.“ Üppig ist die personelle Ausstattung beim DGB auch nicht. Werner Schneider ist dort als einziger für den Bereich Umwelt zuständig. „Eine Zeitlang gab es zwei Personen, doch das wurde vor einigen Jahren wieder reduziert. Ich wundere mich manchmal, warum die Gewerkschaften nicht mehr Personal für dieses Zukunftsthema einsetzen“, bedauert er.
“MEHRFACH-DIVIDENDE” BEDROHT_ Die bislang geplante Kürzung der Mittel für die CO2-Gebäudesanierung um fünf Sechstel ist laut Werner Schneider ein Absturz. Aber er ist zuversichtlich, dass das Sparpaket anders aus der parlamentarischen Beratung herauskommt als es hineingeht: „Beim Bündnis für Arbeit und Umwelt gab es immer einen überparteilichen Konsens. Die CDU unterstützt die Gebäudesanierung genauso stark wie die SPD. Das hilft jetzt vielleicht.“ Martin Mathes verweist auf den Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Bundesregierung: „Dort steht, die derzeitige Sanierungsquote soll gesteigert werden. Mit der Beschneidung der Förderung macht sie genau das Gegenteil.“
Neben den zinsgünstigen KfW-Krediten für die CO2-Sanierung öffentlicher Gebäude fordert die IG BAU hierfür direkte Zuschüsse aus Landes- und Bundesmitteln, da Kommunen in schwieriger Haushaltslage die Kredit-Programmen häufig nicht in Anspruch nehmen können. Zwei Studien im Auftrag der KfW, 2009 durchgeführt vom Bremer Energie Institut und vom Forschungszentrum Jülich, zeigen, dass die CO2-Gebäudesanierung einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutzziel der Bundesregierung und zur Stärkung der Konjunktur und des Arbeitsmarktes leistet: „Diese positiven Wirkungen zahlen sich auch für den Staatshaushalt aus, der durch die Produktions-, Beschäftigungs- und Arbeitsplatzeffekte kurzfristig erheblich von der Förderung profitiert.“
DGB FORDERT GREEN NEW DEAL_ Bereits für 2010 hat die Bundesregierung jedoch die bisherigen Fördermittel für die CO2-Gebäudesanierung halbiert. Dagegen hat der DGB bereits im Januar Einspruch erhoben und eine langfristige Verstetigung der Förderung auf die im Jahr 2009 erreichten 2,4 Milliarden Euro gefordert. Im Juni wandten sich IG BAU und BUND in einem gemeinsamen Brief an Bundeskanzlerin Merkel: „Die CO2-Gebäudesanierungsprogramme sind aus gesamtwirtschaftlicher Sicht hoch effizient, da ein Förder-Euro ein Vielfaches an privatem Kapital zu Investitionszwecken mobilisiert.“
Besonders für kleine und mittlere Handwerksbetriebe brächten die Programme Beschäftigungsimpulse. IG BAU-Experte Mathes bekräftigt, dass für die Unternehmen mindestens eine mittelfristige Perspektive wichtig sei: „Betriebliche Investitionen und Qualifizierungsmaßnahmen müssen planbar sein.“ DGB und Gewerkschaften werden sich im Herbst weiter gegen die Kürzungspläne stemmen. Doch das reicht nicht aus. Sie fordern in einem Beschluss des diesjährigen DGB-Bundeskongresses von der Bundesregierung ein „Bündnis für Klima, Umwelt und Arbeit“, das die Grundlagen für einen „Green New Deal“ entwickeln soll.